Seit über 400 Jahren entfliehen Menschen am Ritten der Sommerhitze – und entdecken dabei eine Art zu reisen, die heute aktueller ist denn je.
Kaum ein Urlaubstrend erlebt derzeit so viel Aufmerksamkeit wie Slow Travel und Coolcation. Gemeint ist der Wunsch, den immer heißeren Sommern zu entfliehen, langsamer zu reisen und den Urlaub wieder bewusster zu erleben.
Neu sind diese Ideen allerdings keineswegs. Am Ritten werden sie seit über vier Jahrhunderten gelebt. Nicht umsonst gilt das sonnige Hochplateau oberhalb von Bozen als Wiege der Sommerfrische. Was heute als moderner Reisetrend gefeiert wird, entstand hier bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts, als Bozner Kaufleute und Adelsfamilien einen ebenso einfachen wie klugen Entschluss fassten: Sie verlegten den Sommer kurzerhand in die Berge.
Als der Sommer umzog
Die Sommerfrische war weit mehr als ein Urlaub. Sie gehörte zum festen Jahresrhythmus vieler Bozner Familien.
Jedes Jahr am 29. Juni, dem Peter-und-Paul-Tag, begann der Umzug auf den Ritten. Hausrat, Kleidung und Vorräte wurden in Truhen verstaut, die kleinsten Kinder reisten in den berühmten „Pennen“, großen aus Weiden geflochtenen Tragkörben, und der Sommer spielte sich fortan auf dem Hochplateau ab. Erst 72 Tage später, zu Mariä Geburt Anfang September, kehrte das Leben wieder in die Stadt zurück.
Der Aufstieg war beschwerlich und dauerte mehrere Stunden. Wer einmal oben angekommen war, blieb deshalb meist den ganzen Sommer über. Gerade daraus entstand jene besondere Lebensweise, die den Ritten bis heute prägt.
Der wahre Luxus war Zeit
Die Sommerfrische bedeutete nicht, möglichst viel zu erleben. Sie bedeutete, den Alltag hinter sich zu lassen und einem anderen Rhythmus zu folgen.
Man frühstückte ohne Eile, verbrachte die heißen Nachmittage im Schatten alter Kastanien und Lärchen, spazierte durch die Wälder oder traf sich in den Gärten der Sommerresidenzen. Die Abende wurden im Freien verbracht, denn selbst mitten im Hochsommer sorgte die Höhenlage für angenehm frische Temperaturen.
Der Bozner Schriftsteller Karl Theodor Hoeniger brachte den Stellenwert der Sommerfrische treffend auf den Punkt. In seinen berühmten Acht Bozner Seligkeiten schrieb er, zu einem „richtigen“ Bozner gehöre „… ein Sommerfrischhaus am luftigen Ritten.“
Kaum ein Satz beschreibt besser, welche Bedeutung der Ritten für Generationen von Bozner Familien hatte.
Eine Verbindung, die vieles erleichterte
Mit der Eröffnung der Rittner Bahn im Jahr 1907 wurde die Verbindung zwischen Bozen und dem Hochplateau deutlich komfortabler. Später kamen die Seilbahn und die Rittner Straße hinzu.
Doch auch wenn die Anreise einfacher wurde, blieb der eigentliche Zauber des Ritten unverändert. Die historischen Sommerresidenzen in Oberbozen, Maria Himmelfahrt und Klobenstein erzählen noch heute von einer Zeit, in der nicht Geschwindigkeit, sondern Lebensqualität den Sommer bestimmte.
Wer mit der historischen Rittner Bahn durch Wiesen und Wälder fährt, erlebt bis heute ein Stück dieser Geschichte.
Das Comeback der Sommerfrische
Lange galt die Sommerfrische als romantische Erinnerung an vergangene Zeiten. Heute erscheint sie erstaunlich modern.
Während viele Regionen Europas unter immer längeren Hitzeperioden leiden, suchen Reisende bewusst Orte mit angenehmeren Temperaturen, frischer Bergluft und einer Umgebung, die nicht von Hektik geprägt ist. Internationale Medien sprechen von Coolcation, Reiseexperten von Slow Travel.
Der Ritten braucht für all das keinen neuen Begriff. Er lebt diese Idee seit mehr als 400 Jahren.
Sommerfrische heute - im Bella Posta
Mit der Wiedereröffnung des Bella Posta im Frühjahr 2026 wollten wir genau dieses Lebensgefühl neu interpretieren. Nicht nostalgisch und nicht museal, sondern zeitgemäß.
Ein Frühstück bis 11 Uhr. Ein Spaziergang durch die Wälder des Ritten. Ein Nachmittag am Pool oder eine Fahrt mit der historischen Rittner Bahn. Ein Abstecher nach Bozen, das dank Seilbahn nur wenige Minuten entfernt liegt, bevor der Tag bei einem Aperitivo oder einem entspannten Abendessen ausklingt.
Die Sommerfrische dauert heute vielleicht keine 72 Tage mehr, und niemand bringt seinen Hausrat in Truhen auf den Berg.
Ihre ursprüngliche Idee aber ist dieselbe geblieben: den Sommer nicht möglichst vollzupacken, sondern ihn bewusst zu genießen.
Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis des Ritten. Manche Reisetrends müssen gar nicht neu erfunden werden. Manchmal genügt es, an den Ort zurückzukehren, an dem sie ihren Ursprung hatten.